Selbst-Kitzeln unmöglichEin cleveres Feedback im Kleinhirn
Haben sie sich je gefragt, warum uns unsere eigenen Schreie nicht taub werden lassen? Dahinter steckt ein genialer Rückkopplungseffekt, der die Selbstwahrnehmung steuert.
Warum können wir uns selbst nicht kitzeln? Dort wo uns Andere ein lautes Lachen, ein kleines Kichern oder zumindest ein Quietschen entlocken, können wir uns so lange kitzeln wie wir wollen – zum Lachen wird es nicht ausreichen. Corollary discharge oder abgeleitete EntladungEin intelligenter Rückkopplungsprozess im Gehirn, der im englischen "corollary discharge" (abgeleitete Entladung) oder "internal feedback" genannt wird, verhindert den Selbst-Kitzel-Effekt. Intelligent ist der Prozess deswegen, weil er es uns auch erlaubt, uns die Kehle aus dem Leib zu schreien, ohne dabei taub zu werden. Er ist auch an einem stabilen Bild unserer Umwelt beteiligt: Durch die Rückkopplung im Gehirn sehen wir ein ruhiges Bild unserer Umgebung, obwohl sich unsere Augen ständig hin und her bewegen. Diese Rückkopplung oder dieses Feedback findet bei allen Säugetieren statt, bei uns Menschen im Kleinhirn. So können wir zwischen externen und selbst erzeugten Reizen unterscheiden. Grillen werden nicht taub – trotz 100 Dezibel Schalldruck Dr. Berthold Hedwig von der Universität in Cambridge und Mark Summer von der Universität in Pittsburgh fragten sich, ob sich auch Grillen mit dieser Rückkopplung vor dem eigenen – oft ohrenbetäubenden – Gesang schützen. Zur Romantik lauer Sommernächte mag das Zirpen der Grillen durchaus gehören, aber nur aus sicherer Entfernung: An den Deckflügeln, welche die Grillenmännchen rhythmisch aneinanderreiben, um so Weibchen anzulocken und Konkurrenten abzuschrecken, entsteht ein unangenehmer Schalldruck von mehr als 100 Dezibel. So laut geht es etwa auf der Tanzfläche einer Diskothek zu. Ein Presslufthammer aus sieben Meter Entfernung ist leiser. Gehörschutz im NervensystemPoulet und Hedwig untersuchten den Gehörschutz im Nervensystem der Mittelmeerfeldgrille (Gryllus bimaculatus), die wie die meisten Grillen ein empfindliches Hörorgan an den Vorderbeinen. Vor dem selbst erzeugten Lärm schützt die Grille sog. Zwischen- oder Hörneuronen. Offenbar reizen die Nervenzellen, die das Zirpen steuern, parallel dazu auch hemmende Nervenzellen des Gehörsystems. Diese die Lautwahrnehmung hemmenden Neuronen heißen Omega-1-Neuronen. Sie werden im Rückkopplungsprozess aktiv, sobald die Grillen das Zirpen beginnen. Einen sich anschleichenden Feind hören die Grillen dennoch, denn der Rückkopplungsprozess bedeutet nicht, dass das Tier durchgehend taub wäre. In den kurzen Pausen ihres Gezirpes nehmen die Tiere die leiseren Töne in ihrer Umgebung wieder wahr. Und das rettet ihnen die Leben: Ein sehr lauter Sänger, der eine Unzahl Weibchen anlockt, lenkt er auch die Aufmerksamkeit einer Unzahl Feinde auf sich. Die Wissenschaftler spekulieren, dass ein ähnlicher Trick des Nervensystems auch bei Menschen wirksam wird, beim Schreien, Lachen und Sehen. Ein stabiles Weltbild: Rückkopplung beim SehenOhne diese Rückkopplung des Gehirn hätten wir Menschen wahrscheinlich Schwierigkeiten unsere Welt als stabiles Bild war zu nehmen. Tatsächlich bewegen sich unsere Augen ständig: beim Überqueren einer Straße genauso wie beim Betrachten eines Gemäldes. Diese schnellen Bewegungen, die Sakkaden (frz. saccade, dt. Ruck) genannt werden, ermöglichen das scharfe Sehen. Um einen Text, wie diesen zu lesen, sind viele schnelle, präzise Änderungen des Fixationspunktes notwendig. Eine Theorie besagt, dass das Gehirn vor jeder Selbst-Bewegung gewarnt wird, so dass der Rückkopplungs-Prozess einsetzt, ohne den unsere Welt ganz schön ins Wanken geraten könnte. Der gleiche Prozess spielt eine Rolle, wenn wir versuchen, uns selber zu kitzeln. Und obwohl es eigentlich frustrierend ist, dass wir uns nichts selbst kitzeln können - "corollary discharge" hört nicht auf, die Wissenschaft zu faszinieren. Immer neue Theorien befassen sich mit dem Prozess, so könnte es zum Beispiel sein, dass die Rückkopplung nicht funktioniert bei Patienten, die unter Schizophrenie leiden.
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